Digitalisierung von persönlicher Entwicklung? MES im Dilemma

Gepostet vor 4 Jahren von Matthias Bonhage

Die Technologien haben unseren Alltag und unsere Arbeitswelt in vielen Bereichen auf den Kopf gestellt – und werden weiter voran schreiten. Auch das Lernen ist davon nicht ausgenommen: Web Based Trainings, Online-Testungen, Lernplattformen in der Cloud, Persönlichkeitsanalysen durch Big Data, die Entschlüsselung des eigenen Genoms – für 100 $ (www.23andme.com).

Was bleibt dem Eignungsdiagnostiker da noch zu tun? Müssen wir unsere Leistungen nicht alle komplett digitalisieren, um im Wettbewerb der globalen Anbieter bestehen zu können? Wie viel Kosteneinsparung ist möglich? Fraport macht es vor: Analysen aus Interviews, bei denen nur noch die Sprache analysiert wird, statt der Begegnung von Menschen in der (Labor-) Situation AC?

Wer braucht noch Trainer und Berater, wenn das Lernen in die Cloud verlagert wird? Inputs werden über das Web an beliebig viele Mitarbeiter gleichzeitig verteilt, parallel kümmert sich die künstliche Intelligenz um individuelle Verarbeitung, weil ja die (nicht so intelligenten) Menschen immer eine Weile brauchen und nach Austausch und Diskussion lechzen, wenn es Neuigkeiten zu verdauen gibt. Selbst Kulturveränderungsprozesse können – in einem professionellen Datenstrom kanalisiert – sehr sauber begleitet werden. Sprachprogramme, die auf Empathie entwickelt sind, nehmen auch noch dem letzten Psychologen den Job ab.

Ich meine das ernst, diese Szenarien kann man so denken. Und dann kommt MES darin nicht mehr vor. Die jüngeren Kolleginnen beteiligen sich vielleicht noch in agilen Teams an der Programmierung von elektronischen Testverfahren oder Online-Planspielen – der Computer tut sich immer schwer, wenn er sich die Denkwelten des Menschen vorstellen soll.

Horror? Für mich ja. Für Sie hoffentlich auch. Aber nicht unrealistisch.

Was tun? Wie stellen wir uns mit unserer kleinen Boutique auf, um dennoch Kundennutzen zu stiften, um für Sie nützlich zu sein, eine Leistung anbieten zu können, die es Ihnen Wert ist, uns zu bezahlen?

Ignorieren oder plump dagegen anlaufen erscheinen nicht sehr erfolgversprechende Strategien. Die Verhaltensveränderungen kommen, spätestens mit der nächsten Generation. Kochen lernen die Kids heute bei YouTube, Aufklärung kommt über YouPorn, Coaching bei mindhelp.de, politische Info bei SPIEGEL ONLINE oder im Original via Twitter (#therealdonaldtrump).

Alle diese Inhalte und Angebote reduzieren aber die Tiefe des Daseins und unseres inneren Erlebens auf ihre Abbilder. Zwischenmenschliche Interaktion als Datenmodell in 2D. Digitale Systeme haben die immanente Tendenz zur Vereinfachung. Weil immer mehr Angebote zur Verfügung stehen, immer mehr Möglichkeiten entwickelt werden, reduzieren wir unsere Wahrnehmung auf die digitalen Spuren des Lebens. So erscheint uns die Facebook-Gemeinschaft wichtiger als die Menschen, die mit uns am Tisch oder im Zugabteil sitzen. Tatsächlich verlernen wir systematisch, andere Menschen anzusprechen, sie zu erkennen, mit Ihnen in Kontakt zu gehen. Den beschränken wir auf unsere engste Umgebung – und die digitalen Kommunikationspartner. Partnersuche über Parship und Co. ist doch einfacher, die Beziehungen halten angeblich sogar länger. Willkommen im digitalen Paradies. Zukünftig tauchen wir dann ganz ab in virtuellen Welten und  brauchen nichts mehr zu berühren. Halleluja.

Wir bei MES gehen auch viele digitale Schritte, entwickeln ergänzende Bausteine, um Lernen effektiv zu unterstützen, digitalisieren Prozesse in der Verwaltung, in der Zusammenarbeit, selbst bei Trainingsunterlagen und demnächst auch bei AC-Unterlagen. Unsere Testverfahren sind schon etliche Jahre online und 360°-Feedback mit Papierbögen über Kontinente zu verschicken liegt schon so weit zurück, dass ich es nicht mehr erlebt habe. Selbst Auswertungsgespräche zu Tests, die fast Coaching-Charakter haben, führen wir heute via Skype. Auch hier findet sich eine neue Vielzahl an Möglichkeiten - zu Kosten, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar waren. Aber in die Tiefe, in die persönliche Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen, Kundinnen und Kollegen kommen wir darüber nicht mehr so leicht. Ein „remote“-Teilnehmer einer Diskussion hat einen anderen Beitrag als jemand, der vor mir sitzt, den ich riechen kann und muss, vielleicht sogar anfassen kann.

Auf diese Qualitäten werden wir uns bei MES immer wieder konzentrieren, auch mit und neben der digitalen Welt das zu begreifen, zu erfassen und zu erspüren, was nicht in Bits und Bytes abbildbar ist. Hier sehen wir auch in Zukunft ein großes Feld, das in vielen Prozessen DEN Unterschied macht: Wirtschaft ist für Menschen und von Menschen gemacht, Unternehmen existieren als kreative Leistung von Menschen und der Sinn all des bunten Tuns und Treibens ist doch, menschliche Ideen zu beflügeln, das Leben von Lebewesen besser zu machen, Raum für die wesentlichen Fragen zu schaffen. Genauso wenig, wie man Geld essen kann, genauso wenig können uns Bits und Bytes seelisch nähren. Sie sind nur Mittel zum Zweck, nur das Abbild des Wirklichen. Oft ein Vehikel zum Transport. Aber eben auch nicht mehr.

PS: Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, habe ich eine Bitte. Gegen alle ökologische Vernunft: Drucken Sie ihn aus oder schreiben Sie es meinetwegen ab. Aber denken Sie drüber nach, wenn Sie den Text auf einem realen Medium gelesen haben. Und tatsächlich: Lesen Sie ein zweites Mal. Diskutieren Sie, lesen Sie einzelne Stellen erneut, verwerfen Sie alles, erklären Sie mich für verrückt – aber bitte tun Sie eins nicht: weiterklicken, die nächste Nachricht lesen, im Unbewussten das Gelesene als Datenmüll ablegen. Dann habe ich eine dunkle Spur hinterlassen, einen Beitrag geleistet, dass Ihre Seele verschüttet wird. Helfen Sie mir, das wieder gutzumachen: Bewegen Sie sich wenigstens für eine Minute, sagen Sie dem nächsten Menschen was Nettes, lächeln Sie für einen Moment und befreien Sie mich von meinem schlechten Gewissen, dass ich den digitalen Müllberg auch noch vergrößert habe. Herzlichen Dank.

Wenn Sie diesen Text kommentieren mögen, sind Sie herzlich eingeladen: Theodor Heuss-Ring 44 in Köln.

Grüße, Matthias Bonhage

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